Montag, 15. Februar 2016

Der Au-Tor IV: Die Suche nach dem heikligen Gral oder auf der Jagd nach dem perfekten Text



 
Ich lese seit Tagen auf Facebook, auf diversen Blogs, auf Twitter und weiß der Henker wo sonst noch allerlei Sinn und Unsinn über die Schriftstellerei im Allgemeinen, über Abschreiben und Neu Schreiben, die ewig gleichen Grabenkämpfe zwischen Indie und Verlag und die Notwendigkeit von Lektoren. Und immer, wenn es endlich ruhiger wird, postet der nächste und das Karussell dreht sich erneut.
Ich habe, weil ich die Aufregung verstehen will – und ja, weil es mich auch ein bisschen (ziemlich) aufgeregt hat – mir das Drama mal in Ruhe angeschaut und versucht, etwas Ordnung hineinzubringen. Ganz unaufgeregt und gründlich. In vier Teilen, weil der Beitrag sonst zu lang wird. 
-        1. Akt: Qualität kommt von Quälen!
-        4. Akt: Die Suche nach dem heikligen Gral oder auf der Jagd nach dem perfekten Text.
 
 

4. Akt
Auf der Jagd nach Perfektion oder Die Suche nach dem heikligen Gral


Nochmals möchte ich in Erinnerung rufen, dass keiner der Hauptakteure und Komparsen in diesem Drama zu irgendeinem Zeitpunkt behauptet hat, dass man schlechte und/oder geklaute Texte veröffentlichen soll. Niemand hat sich gegen Qualitätssicherung ausgesprochen.
Wie diese QS dagegen aussehen soll – darüber kann es schon zu Mord und Totschlag kommen. Seltsam eigentlich. Man sollte meinen, das Ergebnis zählt. Und nur sicherheitshalber sei erwähnt, dass „heiklig“ eine bis heute noch zulässige altertümliche Form von „heikel“ ist, die ich bewusst wählte, weil sie das Wortspiel mit „heilig“ besser erlaubt.
 
Was ist gut?
Mein sehr szeneerfahrener und sturmerprobter Autorenfreund Thomas Knip hat eine sehr interessante Berechnung aufgestellt, die sich mit der anlässlich der immer noch tobenden Schlammschlacht umstrittenen Frage befasst, wie viele Fehler in einem Buch noch tolerabel seien:
"Ich habe sehr viele Heftromane eingescannt, nach- und aufbereitet. Dabei habe ich mir zu Beginn 99% (Fehlerfreiheit) als Zielt gesetzt. Ein Heftroman hat durchschnittlich 180.000 Zeichen.
Dann habe ich nachgerechnet, und mir ist bewusst geworden, dass 99% bedeutet, im Text stecken noch 1.800 Scanfehler. Das geht natürlich nicht. Für mich ist eine einstellige Fehlermenge tolerabel, also maximal 9 (glücklich bin ich damit trotzdem nicht). Das heißt aber, dass ich bei meiner Bearbeitung eine Perfektion von 99,995% erreichen muss. Mindestens.
Bei der Zahl werden sich die meisten an den Kopf fassen. Weder Internetanbieter noch Stromlieferanten garantieren eine solche Quote. Vielleicht noch Betreiber von Kernkraftwerken (hofft man)."
Halten wir fest - in keiner anderen Sparte wird ernsthaft ein solcher Grad von Fehlerfreiheit gefordert. Das gibt es nur in der Literatur. Ich will da auch gar nicht widersprechen. Aber man sollte sich gelegentlich überlegen, was da eigentlich gefordert wird und ob man nicht übers Ziel hinausschießt.
Aber unabhängig von der Frage, welche Fehlerquote tolerabel ist, ist damit in jedem Fall Qualitätssicherung erforderlich. Soweit besteht noch Einigkeit. Der Streit bricht los, wenn man beginnt über Art, Ziel und Umfang der QS zu sprechen.
 
Autoren sind feige
Es ist erstaunlich, wie wenig selbstbewusst viele Autoren mit ihrer Kunst umgehen. Man las beim Schlammcatchen im 2. Akt Erstaunliches.
 
Autoren behaupteten im Brustton der Überzeugung, dass sie allein außerstande seien, Texte zu fertigen, die nicht "mit Millionen Adjektiven", "Wortwiederholungen" und "Logikbrüchen" verseucht sind.
 
Sie behaupteten weiterhin, solche Fehler könnte der Autor „unmöglich selbst beheben“, er sei auch bei Plotholes, Stil- und Charakterbrüchen oder erforderlichen Kürzungen völlig überfordert.
Okay. Pause! Stellt euch vor, ein Chefkoch verlangt von seinem Arbeitgeber, dass er unbedingt einen Vorkoster und einen Nachwürzer benötigt, weil er echt beim besten Willen nicht selbst entscheiden kann, wie viel Salz in die Suppe gehört und was dem Leser schmecken könne. Im Gegenteil - Witzigmann, der Jahrhundertkoch (tatsächlich ein offizieller Titel) stürmte dereinst in der Münchner Aubergine aus der Küche, um einem Gast, der nachwürzen wollte, erbost zu erklären, in einen Picasso würde man schließlich auch nicht reinkritzeln. Nein, würde man nicht! Und auch nicht bei Beuys nachfeilen oder anmerken, dass man - um den Bogen zu mainstreamtauglicher Kunst zu schlagen - Adele dringend den Takt vorgeben sollte. Das erlaubt man sich nur in der Literatur.
 
Wer also ist Herr über das Werk?
Meine geschätzte Kollegin Isabelle Schmidt-Egner hat in der Debatte darauf hingewiesen, dass zuallererst einmal der Autor in der Lage sein sollte, ein anständiges Buch zu schreiben. Sie meinte damit, dass neben dem künstlerisch-kreativen Genius, eben auch Schweiß, Fleiß und - jep! - solides Handwerk gefordert sind. Auch ich finde, jeder Autor sollte fähig sein, einen guten Text zu schreiben (auch wenn er noch optimierungsfähig sein mag, ordentlich muss man es alleine können).
Das relativiert sich, wenn sich (Verlags)Autoren damit brüsten, dass ihre Rohtexte mit "Millionen Adjektiven", "Logikbrüchen", "Schachtelsätzen", inkongruenten Charakteren und dergleichen mehr belastet wären, würde sich ihnen nicht ein Lektor annehmen und ein Buch daraus machen...
Hier besteht meiner Meinung nach dringender Bedarf für eine Abgrenzung zwischen "Lektor" und "Ghostwriter" oder gar "Co-Autor".
Ich denke wirklich, dieser Ruf nach einem Lektorat ist ein Stück weit Feigheit. Das erklärt auch die Emotionalität, mit der die Forderung verteidigt wird. Diese Hörigkeit gegenüber dem Lektorat ist Zeichen unserer bis zu Unverantwortlickeit verantwortungsscheuen Zeit. Wir wollen heute für alles Absolution, selbst für das, was wir uns von der Seele schreiben. Dumm nur, dass Lektoren auch nicht mutiger sind und deshalb vielerorts nach Checkliste vorgehen oder dem, was das Marketing sagt, soweit sie das nicht nebenbei auch machen. Der moderne Lektor ist vielseitig.
 
Lektorat! Oder alternativlos ins Verderben?
Ich persönlich schreibe meine Texte so gut ich kann. Ich korrigiere sie zweimal, filze sie auf meine geliebten Füllwörter und zähle Zeilen zwischen den Punkten auf der Jagd nach Schachtelsätzen. Dann lese ich sie mir möglichst am Stück laut vor. Und danach sind die gröbsten Schnitzer draußen. Lange bevor ich mein Werk irgendwem zum Lesen gebe.
"Trotzdem!", rufen die Lektorats-Fanatiker. Die Überarbeitung müsse unbedingt von professionellen Lektoren vorgenommen werden. Reservebankspieler wie etwa von den solcherart belehrten fahrlässigen Schreibern stammelnd vorgeschlagene andere Autoren oder Betaleser kämen nicht in Frage, weil die einen ja genauso unbeholfen und die anderen sowieso willenlose Nachplapperer seien, zumal sie zumeist aus der Familie rekrutiert würden.
Ah ja. Ich meine, die Debatte wurde auf Facebook geführt, da liest man ja wirklich jede abgefahrene Meinung, wenn man sich nur die Zeit nimmt. Aber die hier wird geglaubt?
 
Familie kann nicht kritisch sein.
Sagt mal, habt ihr alle keine Geschwister? Jeder Großinquisitor würde beschämt in der Ecke stehen, während Tränen der Demut über seine Wangen kullern, wenn er meiner Schwester beim Kritisieren meiner Arbeit zusehen dürfte. Jeglicher Arbeit. Was vor ihrem Auge Bestand hat, überdauert auch den atomaren Vernichtungsschlag. Das übrigens ist ein Grund, warum ich nicht mit Verwandtschaft arbeite. Ich bin hart, aber nicht masochistisch.
Die Behauptung, auch zartfühlendere Blutsverwandte seien nicht ehrlich, unterstellt jenen zudem, dass sie Sinn, Zweck und v.a. Tragweite ihrer Aufgabe nicht verstehen. Wer behauptet, ich würde einen Text nicht korrigieren, weil ich seinen Verfasser schonen wollte, unterstellt mir, dass ich ihn auch ohne Licht durch den Nebel fahren lasse würde, weil ich nicht möchte, dass er denkt, er könne nicht Autofahren.
Allein die Aussage, ein Autor könne aus eigener Kraft nur auf Freunde und Verwandte zurückgreifen, unterstellt einen derartigen Grad an Dilettantismus und sozialer Isolation, dass mir nichts mehr einfällt. In meiner Welt jedenfalls haben Freunde das Recht und die Pflicht (!), die Wahrheit zu sagen.
 
Autoren taugen nicht als Lektoren.
Zunächst mal kenne ich einige Verlagslektoren, die durchaus selbst auch schreiben.
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Doch auch wenn es stimmen würde, dass ein Autor bei seinen eigenen Texten nur Vollschrott produziert, dann wäre er doch als fachkundige  Leser ein wunderbarer Ersatzlektor! Einer, der sich intensiv und kritisch mit Texten befasst.
 
Hier verkennt man den Unterscheid zwischen "sehen" und "machen". Wenn Roger Federer, der lange Zeit unbestritten weltbeste Tennisspieler, natürlich einen Trainer bezahlt, so liegt das nicht daran, dass er es selbst nicht könnte (kann er, am Besten sogar), sondern daran, dass er betriebsblind ist.
Dass er auf Feedback in Bezug auf sein Tun, seine Wirkung angewiesen ist, um sich zu verbessern. Bloß, weil ich sehe, was mein Kollege falsch macht, weil ich spüre, wie man es besser machen könnte, heißt das nicht, dass ich es von vornherein allein besser gekonnt hätte. Oder auch nur genauso gut.

Auch das Argument der Bezahlung vermag nicht zu überzeugen. Denn wenn wir unterstellen, dass Autoren grundsätzlich lektorieren können, spricht doch nichts dagegen, dass sie sich gegenseitig lektorieren und so Zeit statt Barmittel einsetzen.
 
Betaleser sind kein Ersatz
Wirklich nicht? Nun ja, gewiss nicht auf dem Weg, wohl aber beim Ergebnis. Der Wert eines Betalesers hängt in hohem Maße von der Zielsetzung ab:
  • Will ich ein Buch für mich schreiben (egozentrierter Ansatz)?
  • Will ich damit Leser erreichen (kommunikativer Ansatz)?
  • Will ich damit Geld verdienen (kommerzieller Ansatz)?
  • Will ich die Literatur vorantreiben (künstlerischer Ansatz?) 
Beim ersten Ziel kann mir nur helfen, wer mich versteht. Beim letzten ist ein - entsprechend vorgebildeter - Lektor sicherlich das Mittel der Wahl. Bei den beiden anderen, würde ich zunächst immer auf Leser abstellen, denn ob ich mein Ziel erreiche, hängt von deren Entscheidung ab. Das ist auch nicht neu, sondern nennt sich in weniger emotionalen Branchen "Marktforschung" oder auch "Zielgruppenresonanz". Diese Fragen beantwortet meines Erachtens der Leser besser. Der nimmt nur den Text auf und überlegt nicht automatisch, warum das so oder so geschrieben wurde, was dies oder das zu sagen hat. Wohin damit der Plot gelenkt werden soll - oder aber nicht.
Sein erster Eindruck ist der ehrlichste in Bezug auf mein Buch. aber ist der erste Ansatz - wenn ein "technischer Fehler" den Leser nicht stört, ist es womöglich keiner.
Erst wenn mehrere Leser sagen, da stimmt was nicht, da hakt es - dann brauch ich den Fachblick, woran das liegen könnte... Speziell, wenn ich nicht weiterkomme.
Ich persönlich bezweifle, dass ein Lektor noch so lesen kann, wie es ein Leser tut. Das ist so wahrscheinlich wie ein Erwachsener, der etwas mit den Augen eines Kindes sehen will. Kann klappen, ist aber die Ausnahme. Entweder ich bin Fachmann - oder eben nicht.
Darum geht man ja auch nicht mit Fotografen, Physikern, Medizinern oder Gamern ins Kino. Die sehen Filme einfach ... anders. Aber ich schreibe doch für den Leser.
Das ist bei Verlagen übrigens anders. Die lassen primär für den Buchhändler schreiben, dem sie im ersten Schritt ihre Ware verticken müssen. Und da hat sich ein Bild von Lesegewohnheiten und dem antizipierten Lesergeschmack verfestigt, das ... nun ja ... nicht unbedingt deckungsgleich mit den tatsächlichen, sich zudem laufend ändernden Lesegewohnheiten der Basis ist.
Deshalb auch das Schielen nach ausländischen Lizenzen. Proof of concept. Wer hätte geglaubt, dass die Bücher von George R.R. Martin mit ihrem Handbücher füllenden Protagonistenaufgebot und dem steten Sterben von Identifikationsfiguren Bestseller werden? Kein Mensch. Aber mit einer US-Lizenz sieht das anders aus. Gut, der Erfolg der TV-Serie hat auch nicht geschadet. Während aber ein Lektor nicht weiß, was der Leser will, weiß er was der Zwischenhandel erwartet. Und von daher ist er - jedenfalls wenn man den Weg über die Buchhandlung nimmt - schon sehr, sehr wertvoll.

Woran entbrennt dann die Debatte?
 
Nicht jeder Lektor ist ein Lektor.
Nein! Lektoren, müssen Profis sein. Gelegenheitslektoren und Amateure wie "normale Leser" oder "Autoren" könnten keinesfalls die hehre Aufgabe erfüllen, die letzte Bastion zum Schutze des Abendlandes vor den illiteraten Horden von radebrechenden Wortdung tippenden Autoren zu halten. Deren Auswürfe müssen erst fachkundig aufbereitet und veredelt werden, bevor man sie unter das Volk bringen darf.
 
Leider war nicht herauszubekommen, was nun der vielfach vehement gefoderte "professionelle Lektor" ist. Professionell steht zuerst einmal für beruflich. Sagt der Duden. Das bedeutet, man macht es für Geld. Das ist natürlich zu kurz gegriffen. Der Autor braucht "gute Lektoren". Solche, die im Verlag arbeiten. Ah, da war es wieder, das Zauberwort. "Verlag"!

Dann sehen wir, was der Verlagslektor so im Gegensatz zum Dschungellektor treibt. Speziell in Bezug auf die Textüberarbeitung, denn wegen ihr sind wir ja unterwegs (sorry, ich hätte auch nicht erwartet, dass das so kompliziert wird).
Interessant ist, dass diese Herkulesaufgabe tatsächlich im modernen Berufsbild des Lektors nach der verbandseigenen Definition doch gleich an vorletzter Stelle kommt. Direkt vor "Sonstiges".
Selten habe ich einen "Beruf" untersucht, bei dem das Tätigkeitsbild so diffus ist. Wobei - das möchte ich betonen - die Anführungszeichen nicht mangelnden Respekt gegenüber der Tätigkeit ausdrücken sollen, sondern eben dem Umstand geschuldet sind, dass es Lektor als Beruf nicht gibt.
Im Verlag macht er einen krassen Job, ist Trendscout, Psychologe, Marketingexperte, Projektmanager und Qualitätssicherung in einem.
DAS kann und soll er natürlich im Umgang mit einem SP-Autor nicht tun. Der macht alles bis auf die QS selbst - oder sucht sich dafür andere Partner. So ein Rebell.
Fazit daher: Es ist richtig, dass sich ein Verlagslektor von einem Indie-Lektor unterscheidet. Aber das betrifft Tätigkeitsfelder, die nichts, gar nichts mit Qualitätskontrolle in Bezug auf die Texte zu tun hat.  Letztlich ergibt sich auch aus dem Statement des Teams um Karla Paul nichts anderes, als dass Lektoren natürlich Texte bearbeiten, aber eben noch viel, viel mehr machen.
Der Spagat auf der Schere
Die Dynamik einer Facebook-Debatte folgt eigenen Gesetzen und leider wird dort mehr noch als anderswo vom Ergebnis her diskutiert. So auch hier.
Zum Lektorat in Verlagen (weshalb Verlagsbücher die besseren Bücher seien):
  1. Auf das Argument, es gebe auch Verlage ohne Lektorat, hieß es sogleich, ein Verlag ohne Lektorat sei kein Verlag, sondern nur ein Dienstleister (damit wird einem missliebigen Argument durch Aussondern der Boden entzogen)
  2. ein schlechtes Lektorat im Verlag gebe nicht (da sind dann alles außer Tippfehler stilistisch nicht zu beanstandende Dinge in der Sparte "geht so" oder "nicht direkt falsch" - so angesehene Lektoren zu Textbeispielen)
  3. wenn's nicht geht, war es stilistisch gewollt (Kunst) oder aber der Autor unbelehrbar.
  4. Tippfehler können vorkommen. Niemand ist vollkommen
Umgekehrt hieß es bei den Indie-Titeln:
  1. ein Lektor ist kein Lektor, weil er kein Verlagslektor ist
  2. dein Stil ist schlecht (nix mit "geht so", "nicht direkt falsch"), weil du kein (gscheites) Lektorat hast
  3. Kunst und Indie schließen sich aus
  4. Tippfehler sind unverzeihlich und zeugen von mangelnden Deutschkenntnissen des Autors.
Genug! Widmen wir uns der Frage aller Fragen:
 
Was macht eigentlich ein Lektor im Lektorat?
Zunächst mal: Lesen! Daher kommt der Begriff auch. Vom Lateinischen "lgere" Lesen. Wobei dieses Lesen eine deutlich appellativere Prägung hatte, so wie heute auch noch Professoren "Lesungen" halten.
Mir hat bei Beck (jur. Lektorat) der Cheflektor gesagt, ein Lektor dürfe nur die Bälle ins Feld spielen. Verwandeln müsse sie der Autor selbst. Ich finde das sehr treffend. Und es zeigt, dass es eben auch andere Wege gibt. Ballmaschinen, Balljungen, andere Spieler ... mag alles nicht so gut sein, wie ein Trainer mit Ballgefühl, aber es geht und man kann zu guten Ergebnissen kommen.
 
Korrektorat
Ein Korrektorat ist die - da kann man wohl zaghaften Konsens feststellen - die elementarste Stufe der Textüberarbeitung. Es geht um das Ausmerzen von Tippfehlern, von Grammatikfehlern, die beim Umstellen passieren, um Wortwiederholungen und Endlossätze. Da der Autor weiß, was er geschrieben hat, liest er nicht mehr so gründlich. Es gibt Tricks, die eigene Textadaption auszutricksen, aber so gut wie einer, der den Text das erste Mal liest, wird er nicht sein. Ein Sprichwort, nicht nur in Autorenkreisen, besagt, dass man eigene Texte nicht korrigieren kann.
Tatsächlich bekommt man zwar mit modernen Rechtschreibprogrammen und Autorensoftware ziemlich gute Texte hin, doch auch ich finde, ein gutes, sorgfältiges Korrektorat kann man nicht ersetzen.
Und weiter?
 
Sprachliche Überarbeitung
Speziell wenn der Auftraggeber ein notwendigerweise gewinngetriebener Verlag ist, ist die Gefahr groß, dass ein Werk publikumstauglich optimiert wird.
Picasso hätte man auf die richtige Perspektive und die Sehgewohnheiten der Betrachter hingewiesen. Matisse gebeten, doch etwas mehr ins Detail zu gehen. Und die Maler hätten mit Blick auf ihren Traum. von ihrer Kunst leben zu können, vermutlich zugestimmt. Katastrophal, weil die Verbesserungen zwar handwerklich richtig, aber künstlerisch falsch gewesen wären.
Die Gefahr besteht, dass das Buch "barbiefiziert" wird. Es wird wie ein Modepüppchen zu glatt, zu perfekt, zu optimal gemacht. Es wird ... beliebig - und da hat man sich dann rechts überholt.
Bevor sich jetzt all die Grammatikschänder da draußen stolz in die Brust werfen und sich mit Großmeistern vergleichen - in den allermeisten Fällen verhungern Künstler mit einer gewissen Berechtigung. Kunst ist riskant. Aber Trash eben auch. Die Grenzen sind im Voraus schwer auszumachen.
 
Logik und Dramaturgie
Es ist im Nachhinein ziemlich schwer, eine festgefahrene Geschichte wieder flott zu machen. Besser ist es, erst gar nicht in den Graben zu fahren. Da kann ein "Lektor" gute Dienste leisten. Könnte. Denn üblicherweise geht ein Buch ins Lektorat, wenn es fertig geschrieben ist, wenn die Karre festsitzt. Deshalb übernehmen diese Phase des Lektorats auch bei den mir bekannten Verlagsautoren regelmäßig Kollegen, die man um Rat fragt, mit denen man nächtens Krisengespräche führt, die verstehen, wie das Gerippe einer Story zusammengesetzt sein muss.
Man bespricht sich mit der Familie, weil man stöhnt und seufzt und schlecht gelaunt ist - und das Umfeld wissen will, warum.
Man könnte in dem Zusammenhang wohl auch besser von Coaching als von Lektorat sprechen.
 
Lektorat - der Psychotherapeut der Geschichte?
Gerade, weil es keine Definition gibt, kann Lektorat alles sein. Ich habe den Vergleich in der Überschrift mit Bedacht gewählt.
Ein guter Therapeut wird versuchen, seinen Patienten mit den richtigen Fragen zu helfen, seinen eigenen Weg zu finden.
Ein schlechter Therapeut wird ihn dadurch zu dem von ihm als richtig empfundenen Weg treiben.
Ein sehr schlechter Therapeut wird dabei den falschen Weg einschlagen.
Oder dem Patienten einfach sagen, was er zu tun hat.
Wo ein Betaleser mir nur sagt, wie  der Text auf ihn wirkt, kann ein Lektor dies begründen (warum?). Er kann Tipps geben, wie man unerwünschte Wirkungen verhindern oder erwünschte herbeiführen kann. Das könnte ein Autor auch, aber er würde den Rat wohl mit "Ich an deiner Stelle..." beginnen und damit den Weg des schlechten Therapeuten einschlagen.
Ein guter Lektor hingegen ist, um im Bild zu bleiben, ein Mediator zwischen der Geschichte und ihrem Autor.
Der hierfür erforderliche Dialog setzt voraus, dass er auf einem gemeinsamen Verständnis in Bezug auf die Ziele und auch den Weg basiert. Die Kommunikation muss funktionieren. Und ich zumindest vertrete die These, dass der Lektor auch den Patienten und seinen Lebensraum, sprich in unserem Fall das Genre und die Zielgruppe, kennen muss, um wirklich zu optimieren. Hardboiled Science Fiction folgt anderen Leseerwartungen als Romantasy. Ich geh auch nicht zum Zahnarzt, wenn ich Schmerzen im Fuß habe. Und je mehr Erfahrung ich mit meinem Körper, anatomischen und physischen Zusammenhängen habe, desto eher werde ich den Fuß vielleicht auch nur hochlegen, kühlen oder mit einer Bandage stützen und am Ende nichts falsch gemacht haben.
Kunst ist keine DIN-normierte Materie. Literatur lebt und Geschichten sind individuell. Es werden niemals zwei Menschen dasselbe Buch lesen. Ich halte daher die von Frau Nentwich vertretene These, wonach ein Text lektoriert werden müsse, um bestmöglich zu sein, für falsch.
Ich glaube schon nicht, dass so die objektiv beste Geschichte entsteht, man kann auch über-überarbeiten und viele Köche verderben bisweilen den Brei. So wie ein guter Arzt heilen kann, kann ein schlechter Arzt töten. Manchmal kann sogar ein grundsätzlich guter Arzt Mist bauen. Es gibt also objektiv keine Garantie, nur statistische Wahrscheinlichkeiten.
Individuell hingegen hängt das Ergebnis in hohem Maße von Art und Umfang der Einflussnahme des Lektors ab. Was in der Diskussion zum Teil vertreten wurde, wonach aus den "unlesbaren" Fragmenten der Autoren erst unter der Federführung des Lektors ein Text entsteht, ist für mich nicht mehr mein Erfolg.
Ich habe auch nie verstanden, wie man auf einem Reitturnier sich sein Pferd vor der Prüfung vom Trainer abreiten lassen kann, um dann in der Prüfung zu glänzen und sich über einen Sieg zu freuen.


Fazit:
Ein Lektorat ist, das bestreitet niemand, ein grundsätzlich guter Weg, um zu einem besseren Text zu kommen. Es ist nicht notwendig ein Garant für einen guten Text. Und es ist - davon bin ich überzeugt - nicht der einzige Weg zu einem guten Buch.