Dienstag, 9. Februar 2016

Der Au-Tor III: Leck mich, Lektor! Von Schändern und Schindern


Underworld - Cailleann (www.deviantart.com)


Ich lese seit Tagen auf Facebook, auf diversen Blogs, auf Twitter und weiß der Henker wo sonst noch allerlei Sinn und Unsinn über die Schriftstellerei im Allgemeinen, über Abschreiben und Neu Schreiben, die ewig gleichen Grabenkämpfe zwischen Indie und Verlag und die Notwendigkeit von Lektoren. Und immer, wenn es endlich ruhiger wird, postet der nächste und das Karussell dreht sich erneut.

Ich habe, weil ich die Aufregung verstehen will – und ja, weil es mich auch ein bisschen (ziemlich) aufgeregt hat – mir das Drama mal in Ruhe angeschaut und versucht, etwas Ordnung hineinzubringen. Ganz unaufgeregt und gründlich. In vier Teilen, weil der Beitrag sonst zu lang wird.

-        1. Akt: Qualität kommt von Quälen!
-        3. Akt: Leck mich Lektor – von Schändern und Schindern.
4. Akt: Die Suche nach dem heikligen Gral oder auf der Jagd nach dem perfektenText.

Nachdem ich für mich zu dem Ergebnis gekommen bin, dass man bei "ähnlichen" Texten sorgfältig zwischen unvermeidlichen Ähnlichkeiten, zufälligen und den wenigen gewollten unzulässigen Plagiaten unterscheiden muss, nicht aber zwischen verschiedenen Autoren von Autoren (außer evtl. ehrlich/unehrlich) ging es weiter. Gerade als sich das Wasser wieder klarte und die Wogen geglättet waren, kam der nächste Bauchplatscher!

3. Akt: 
Leck mich, Lektor? Von Schändern und Schindern …

Ein mir bis zu diesem Zeitpunkt namentlich nicht bekannter Kollege aus dem Verlagslager griff das Lamento der #Ichschreibeselbst-Indies auf und erklärte sinngemäß in einem Blogbeitrag hämisch, dass man verstehen müsse, warum Self-Publisher abschrieben, denn sie könnten es selbst ja nicht besser und seien ja noch nicht einmal lektoriert. Das führte, vielleicht weil sich alle müde gekläfft hatten, zunächst nur zu einem halbherzigen "Ja genau, böse Legasthenie-Indies" oder einem nicht minder matten "Das ist ja jetzt billig." Szenekenner wiesen schließlich unter Quellenangabe darauf hin, dass der Urheber dieses Posts selbst - und zwar als Verlagsautor - Urheberrechtsverletzungen wegen verklagt worden sei und ein Urteil nur ausgeblieben sei, weil man sich zuvor durch Vergleich geeinigt habe.

Das wäre ein toller Epilog gewesen. Doch dieser Seitenhieb in Bezug auf vorgeblich fehlendes Lektorat bei Indies ließ einer anderen Autorin keine Ruhe. Und so postete sie unter dem Titel "Ich weigere mich!", dass ihre ersten (noch) selbst verlegten Bücher zwar nicht lektoriert aber deshalb noch lange nicht schlecht seien. Sie vertrat die These, dass es auch andere Wege gäbe, um einem Buch den erforderlichen Feinschliff zu geben.

Was darauf losbrach ist mit "Sturm im Wasserglas" auch nicht im Ansatz bildlich zu beschreiben. Kein Wunder, denn zu dem Zeitpunkt war nur noch so wenig Wasser im Becken, dass das unweigerlich in Schlamm-Catchen enden musste. Und so kam es auch.

Und was da nicht alles von mir bis dato für einigermaßen differenziert und des Lesens mächtig gehaltene Menschen zum Besten gegeben wurde. Es ging drunter und drüber, rauf und runter, die arme Sau, die da von den Schändern der deutschen Sprache und den Schindern freier Künstler durchs Dorf gescheucht wurde, kann jetzt am Iron Man mitmachen, ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen. Wer sich je vor einer tollwütigen Hundemeute gefürchtet hat, möge sich vor Buchmenschen hüten. Die tun nur so friedlich.

Erst einmal fiel auf, dass der Großteil der Empörten den Ausgangspost nicht gelesen oder jedenfalls trotz einer an sich einfachen Botschaft nicht verstehen konnte oder wollte. Denn binnen Stunden drehte sich die aus dem Beitrag herauszulesende Frage "Ist es wirklich so, dass nur ein lektoriertes Buch ein gutes Buch sein kann?", zu "Braucht man professionelle Lektoren?", und landete im Sumpf der üblichen, mich persönlich unendlich ermüdenden Self-Publisher vs. Verlag-Debatten.

Indie-Barbaren aus dem Wald belagern die Verlagsburgen der Literatur !!!!


Burg Niedeggen I - Polloux TS (www.piqs.de)
Sollte man meinen. Seit den Hunnenüberfällen gab es kein solches Bibbern in den Skriptorien mehr. Wilde, wüst radebrechende Indies stürmen mit kruden Texten bewaffnet die Wälle oder entführen jungfräuliche Texte und geben sie als die ihren aus. Das Abendland gerät ins Wanken. Auch und gerade wegen des womöglich inflationären und zu einer dramatischen Interpunktions-Verknappung führenden Gebrauchs von Ausrufezeichen.

Woher kommt die Angst der Verlagsautoren vor den ohnehin nur langsam mutiger werdenden Indies? Ihr müsst euch nicht fürchten. Gehet hin und sehet - auch wenn ich persönlich es in den meisten Fällen nicht verstehe - so ist die weitaus überwiegende Zahl der frei herumspringenden SP-Autoren nur zu gerne bereit, es mit der anheimelnden Nestwärme zu versuchen, die ein Verlag immer noch verspricht. 

Auch die Herrin des 3. Aktes verkündet frohlockend und gewohnt vollmundig, dass sie inzwischen gleich mit mehreren Verlagen zusammenarbeitet und mit denen "geile Projekte" macht. Also auch sie ist gezähmt und eingeschert in den Kreis der Angepassten. Soll heißen, noch immer ist es aus Verlagssicht ein Nachfragemarkt. Wenn der Verlag einen Autor habenwill, wird er ihn in den meisten Fällen bekommen.


Verlag? Selfpublishing? Hybrid?



Es gibt gute und weniger gute Gründe für beide Modelle. Es ist wie mit E-Book und Print, Mac und PC oder Anstellung und Selbstständigkeit - immer haben beide Modelle ihre Vor- und Nachteile und am Ende ist es eine individuelle Entscheidung. Ich beobachte das bei Autoren seit Jahren und das Fazit meiner Überlegungen ist, dass es kein "entweder oder", sondern nur ein "kommt darauf an" geben kann. Es hängt von der Person des Autors, seinen Lebensumständen, seiner persönlichen Definition von Erfolg, seinem Buch und nicht zuletzt von den Konditionen beim Verlag ab. Es sollte eine Fall-zu-Fall-Entscheidung und keine Grundsatzdebatte sein.

Sicher ist aber, dass Verlag und SP sich nicht auf der Ebene der Qualität beharken müssen. Das ist, mit Verlaub, lächerlich. Es ist unter einem gewissen intellektuellen Anspruch meiner Meinung nach sogar peinlich, weil man damit unweigerlich der jeweils anderen Seite unterstellt, dass sie doof ist. Was - auch wenn das zu glauben angesichts der aktuellen Debatte schwer fällt - keine Partei ist.

Wir haben das gleiche Ziel: Gelesen werden. Von Lesern.


Von den Verkäufen und damit aus Lesersicht scheint die Unterscheidung zwischen SP und Verlag nicht getroffen zu werden. Dem Leser ist es im Großen und Ganzen schnuppe, ob sein Buch einen Stammbaum hat, solange es ihn unterhält. Der in beiden Lagern als seriöse Quelle anerkannten Selfpublisher-Bibel zufolge, sind die Amazon-Charts tendenziell von Indies und Verlagen gleichermaßen gut bestückt. Dabei ist die Kindle-Liste für E-Books klar von selbstpublizierten Titeln beherrscht, während die Prints in Verlagshand sind. 
  • Amazon ist - traurig aber wahr - derzeit die einzige Plattform, auf der SP und Verlagstitel gleichberechtigt gehandelt werden;
  • E-Books sind bei Verlagstiteln nach wie vor sehr teuer, deutlich teurer jedenfalls, als vergleichbare Indie-Titel - Leser neigen daher dazu, bei einer nur geringen Ersparnis dann doch lieber zum haptisch hochwertigeren Print-Buch zu greifen; 
  • viele SP-Autoren bieten keine Print-Bücher an, sodass auch das zu einer Verschiebung in den Charts führt.
Der Mehrheit der Leser ist es - das lässt sich herauslesen - herzlich egal, ob und ggf. welcher Verlag die Geschichte vorstellt. Und auch diejenigen, die vehement auf Verlagsbüchern bestehen, räumen ein, dass das auf die antizipierte Einschätzung zurückzuführen ist, bei einem Indie-Buch gutes Geld für handwerklichen Schund auszugeben. Oder dass sie eben bevorzugt Print aus dem Einzelhandel lesen und da sind einfach nach wie vor die Verlage vorn – aus logistischen, nicht aus qualitativen Gründen.
Tatsächlich reagieren die allermeisten Leser genervt auf diese Schlammschlachten, die am Ende noch hässliche Spritzer auf ihre geliebten Bücher werfen. Die meisten Leser finden es schön, wenn sich Autoren mögen. Vielleicht, weil selbst so viel in den Buchgruppen und Blogger-Gemeinden herumgezickt wird, gibt man sich dem Autor gegenüber harmoniebedürftig. Man freut sich, wenn Autoren Gemeinschaftsprojekte machen, sich gegenseitig empfehlen oder zusammen bei einem Meet & Greet aufschlagen. Gerade weil viele Bücherwürmer in ihrem natürlichen Lebensraum eher zu Einzelgängern werden, freuen sie sich, wenn sie auch mal eine Gang haben – auch wenn die dann einem Buchclub ähnelt. Autoren nehmen sie dabei als Idole ebenso wie als Dienstleister wahr und der Spagat gelingt am besten, wenn sie Freunde sind. So wie wir im wahren Leben auch zumeist froh sind, wenn sich die Freunde auch untereinander verstehen, so freut sich auch der Leser, wenn sich seine Autoren mögen, wenn von ihm keine „Entweder oder“-Entscheidung verlangt wird, die er weder treffen will, noch sachlich treffen muss. Leser nutzen sich nicht ab. Die stehen mehreren Autoren zur Verfügung. Immer wieder. Das ist toll! Machen wir was daraus.

Sind SP-Autoren wirklich die Schänder der Literatur?


Eine speziell von Verlagsautoren vertretene These lautet, dass man einem Buch schon auf den ersten Seiten seine niedere Herkunft ansähe. Der SP-Titel sei von schmuddeliger Ausdrucksweise, adjektivisch überfrachtet und wisse sich auch sonst - ebenso wie sein Autor - nicht zu benehmen.

Demgegenüber wurde mit einer gewissen Berechtigung eingewandt, dass man im Glashaus nicht mit Steinen werfen sollte. Unbestreitbar gäbe es auch viele Verlagstitel, die weder das StGB noch den Duden kennen und bei denen auch bei laienhafter Durchsicht jederzeit reichlich handwerkliches Verbesserungspotential festzustellen sei.

Dieser Einwand wurde innerhalb der Facebook-Debatte als unzulässig zurückgewiesen, denn ein Verlag, der seine Bücher nicht sauber lektoriere, sei "kein Verlag, sondern ein Dienstleister" – und damit nicht mehr Teil der Vergleichsmasse. Es ging sogar noch weiter: Eine Verlagsautorin betonte gar sinngemäß, dass die Verlage ja sähen, dass die Schmuddelbücher der SP-Autoren sich gut verkauften und es allein deshalb nun mit der (Sprach-)Hygiene auch nicht mehr so genau nähmen. Der Qualitätsverlust der Verlage sei also auf die SP-Bewegung zurückzuführen. Nein, keine Frage, so wie weiland die Hunnen das Abendland geißelten, so wird nun der Literaturbetrieb von diesen SP-Autoren geschändet.

Ich bot an dieser Stelle einen Versuch an. Kann man wirklich, so wie vielfach behauptet, anhand der Leseprobe eines Textes zuverlässig sagen, woher er stammt? Mit oder ohne „professionelles Lektorat“ von einem Self-Publisher oder einem (großen) Verlag? Trotz deutlicher Interessenbekundung auf allen Seiten wollte sich am Ende keiner darauf einlassen.

Die geradezu gebetsmühlenartig immer wieder vertretene These, ein (professionelles) Lektorat sei ein Merkmal für Verlagsbücher, wurde dann tatsächlich schnell von bekannten Lektoren widerlegt, die ihre professionellen Dienste eben auch für sie selbst beauftragende Autoren erbrächten. Viele von ihnen schreiben übrigens auch selbst, weshalb mich nicht überzeugt, warum sich Autoren dann nicht gegenseitig durch Lektoratsdienste erfolgreich unterstützen können sollen.

Zumindest an der "Tatsache", dass es kein erfolgreiches unlektoriertes SP-Buch gäbe, sei nicht zu rütteln.
Das ist eine kühne Behauptung, von der ich weiß, dass sie falsch ist. Ich würde vermittelnd sagen, die Wahrscheinlichkeit eines Verkaufserfolgs steigt mit der handwerklichen Qualität des Werkes. Bücher in den Top10 sind üblicherweise solide gearbeitet. Die Annahme, diese Qualität sei ein Beweis für ein Lektorat, ist ungefähr so richtig wie jene, dass ein schöner Kuchen von einem Konditor stammen muss. Möglich. Wahrscheinlich. Aber nicht unumstößlich.

Die Kontrahenten blieben schließlich an der Stelle im Schlamm stecken, an der es um eben jenes Lektorat ging. Ohne dieses soll ein Text unmöglich dem Leser zumutbar, geschweige denn gut sein. Ich möchte das im 4. Akt ausführlicher untersuchen.

Sind Lektoren die Schinder der freien Kunst?


Okay, das war jetzt Click-Bait. Diese provokante Frage wurde so nämlich gar nicht gestellt. Tatsächlich waren in diesem Teil des Dramas die Indies deutlich zahmer als die Verlagsleute. Vielleicht weil sie sich im ersten Akt, als es um Plagiate ging, ausgetobt hatten. Niemand hat ernsthaft das Potential eines seriösen (und ich schreibe bewusst seriös und nicht professionell!) Lektorat bestritten. Bestritten wurde jeweils die Behauptung,
  • es sei unmöglich (!) ohne Lektorat einen guten Text zu fabrizieren;
  • ein Autor sei außerstande, seinen Text selbst zu überarbeiten;
  • nur ein professioneller – verlagsbeauftragter – Lektor könne einem Text jenen Grad der Überarbeitung angedeihen lassen, den er benötige, um ein guter zu werden.
Von der Gegenseite wurde "Team Lektorat" in der an dieser Stelle mit viel Gespritze und Gekreische geführten Debatte den Lektoren eine gewisse Übergriffigkeit vorgeworfen – und zwar speziell den Verlagslektoren. Klar, denn ein unzufriedener Autor wird den von ihm selbst beauftragten Lektor das Buch wegnehmen. Das kann er beim Verlag nicht, wo er dem Lektor günstigenfalls auf Augenhöhe begegnet. So sollte es nicht sein, aber so ist es vielfach.

Es wurde bemäkelt, dass ein Buch geradezu mit der Brechstange auf vermutete Verkaufsförderung hin optimiert werde, was aber nicht notwendig künstlerisch eine Verbesserung darstelle. Oder umgekehrt (aber das eher selten). Es wurde beklagt, dass der Lektor und nicht der Autor das letzte Wort für sich beanspruche, und auch, dass die Grenzen zwischen Coach, Ghostwriter, Korrektor und Lektor offenbar gar nicht mehr bekannt oder jedenfalls in dieser Debatte erkennbar seien.

Dies zeigt, dass sich Autor, Verlag und Lektor über die Aspekte, unter denen die Qualität vorrangig zu beurteilen sei oder auch platter ausgedrückt die Zielgruppe des Endprodukts einig sein müssen, um ein "seriöses" Lektorat durchzuführen. Ich vertrete - die umstrittene - Ansicht, dass ein Hard-SciFi Roman von einem Genrekenner besser lektoriert wird als von einem sonst Young Adult lesenden Bearbeiter. Wenn ich Gespräche mit Kollegen Revue passieren lasse, scheint das Verhältnis zwischen Lektor und Autor in hohem Maße Vertrauenssache zu sein. Die Chemie muss stimmen, das Verständnis für die Geschichte und das Sprachgefühl kompatibel sein. Je näher man sich hier vom Start weg ist, desto besser wird das Lektorat.

Ich komme zu dem vermittelnden Ergebnis, dass auch ein guter Lektor nicht für jedes Buch (und dessen Autor) gleich gut ist, dass es Blödsinn ist, beim Lektorat zwischen Verlag und SP zu unterscheiden, da Lektoren beide als Auftraggeber akzeptieren und schließlich dass, ein Lektorat ein bewährter Weg der Qualitätssicherung ist, für viele der naheliegendste und bequemste, aber objektiv betrachtet nicht der einzige.

Sachlich betrachtete Vor- und Nachteile eines Lektorats werden in dem Beitrag „Hic sunt lectores“ sehr schön vorgestellt.

Und so wenden wir uns ab von den besudelten Gestalten und sehen im nächsten - und vorerst letzten - Teil selbst, wohin uns die Jagd nach der Perfektion denn bringt.

Ich fürchte, die Ritter der Tafelrunde hatten es mit dem heiligen Gral einfacher.